Gelegenheitsdichtung um 1700 aus dem Umkreis der Schule


von Werner Menke

Unter den vielen Schätzen, die in der Bibliothek des Mariengymnasiums verwahrt werden, befinden sich zwei dicke Sammelbände mit Gelegenheitsdrucken des späten 17. und frühen 18. Jhs. Der erste Band (Katalognummer XI Cf 1) enthält 278, der zweite (Katalognummer XI Cf 1 a) 206 Drucke. Darunter finden sich - vor allem im zweiten Band - gedruckte Trauerreden und umfangreiche Nachrufe auf Personen des öffentlichen Lebens ebenso wie gelehrte Abhandlungen. Bei dem größten Teil der Drucke aber handelt es sich um Gelegenheitsdichtung. Unter diesem Begriff versteht man die konkret zu bestimmten herausragenden Ereignissen verfaßte Dichtung, deren Aufgabe vor allem in der festlichen Erhöhung des Anlasses liegt. Gelegenheitsdichtung ist somit eine Form von Gebrauchsdichtung. Als solche lange Zeit von der Literaturwissenschaft wenig beachtet, ist sie erst seit gut zwei Jahrzehnten verstärkt Gegenstand wissenschaftlichen Interesses geworden (1). Gerade das 17. und das beginnende 18. Jahrhundert, also die Zeit des Barock, waren dieser Form der Dichtkunst in hohem Maße zugetan, und zu fast allen besonderen Gelegenheiten im Leben - seien es Fürstenbesuche, Hochzeiten, Beerdigungen, der Aufbruch junger Menschen an die Universität oder bestandene Examina - wurden in mehr oder weniger prunkvollem Stil literarische Texte (überwiegend Gedichte) verfaßt und gedruckt. Diese können entweder aus persönlicher Anteilnahme des Schreibers an dem denkwürdigen Ereignis herrühren oder auch reine Auftragsarbeit sein. Die Formulierung ‘persönliche Anteilnahme’ meint dabei durchaus ein weites Spektrum, das von echter Betroffenheit bis zum bloßen Gefühl gesellschaftlicher Verpflichtung reichen kann. Die an bestimmte Anlässe gebundene Dichtung gehörte eben für die damalige Gesellschaft quasi zum guten Ton und das Verfertigen entsprechender Poeme zu den selbstverständlichen Obliegenheiten des Gebildeten. So verwundert es nicht, daß sich gerade auch Lehrer und Schüler der Lateinschule zu Jever in dieser Kunst besonders hervortaten. Einige der poetischen Produkte, die um 1700 im Umkreis der Schule, des heutigen Mariengymnasiums, entstanden sind, seien im folgenden wiedergegeben, um dem heutigen Leser ein kleines Bild zu vermitteln von der Gelegenheitsdichtung der Zeit, soweit sie einen Bezug zur Region hat (2).

 

I. Huldigungsgedichte

Von allen damaligen Lehrern am höchsten aufgestiegen auf der Leiter dichterischen Ruhmes (auch wenn ihn heute kein Literaturlexikon mehr nennt) war seinerzeit Franciscus Tieffenbruch (1609 bis 1702), der seit 1639 als Konrektor an der Schule tätig war. Er war Mitglied in Philipp von Zesens ‘Deutschgesinneter Genossenschaft’. Diese ist eine der Sprachgesellschaften, wie sie zur Barockzeit in Blüte standen; die literaturgeschichtlich bekannteste ist die ‘Fruchtbringende Gesellschaft’ (auch ‘Palmenorden’ genannt), die von 1617 bis 1680 bestand. Philipp von Zesen (1619 - 1689), bedeutender Dichter und Dichtungs- bzw. Sprachtheoretiker der Zeit, hatte die Deutschgesinnte Genossenschaft 1643 (die Jahresangabe steht allerdings nicht zweifelsfrei fest) in Hamburg gegründet. Nach dem Vorbild der Fruchtbringenden Gesellschaft gaben sich die Mitglieder eigene Gesellschaftsnamen, Zesen selbst nannte sich z.B. in seiner Gesellschaft ‘Der Fertige’, als Mitglied der Fruchtbringenden Gesellschaft, der er seit 1648 ebenfalls angehörte, wurde er ‘Der Wohlsetzende’ genannt.

Franciscus Tieffenbruchs Name in der Deutschgesinneten Genossenschaft, zu deren ‘Rautenzunft’ er als „kaiserlich gekrönter Dichtmeister" gehörte, war ‘Der Tiefsinnige’ (oder griechisch ‘βαθυφρων’)(3). Sein Werk umfaßt viele Gelegenheitsgedichte, die zum größten Teil in lateinischer Sprache verfaßt und allein deshalb für uns heute schwer erschließbar sind. Dazu kommt, daß sich sein ‘Tiefsinn’ vor allem in formalen Spielereien, gekünstelten Wortspielen und gesuchten Bildern ausdrückt, die für uns Heutige überzogen wirken und kaum noch von Reiz sind. Als Beispiel sei aus seinen Huldigungsgedichten an Zerbster Fürsten zitiert. Ein solches schreibt er z.B. anläßlich des Besuches des Fürsten Karl Wilhelm und seiner Frau Sophia in Jever im Jahre 1690 (4). Da wird in überschwenglich verherrlichendem Stil der Fürst gepriesen als

goldene Fackel für das Volk und strahlendes Gestirn am Himmel,

in dessen Licht das fruchtbare Feld gelb wird von reifenden ähren,

durch dessen veredelnden Einfluß der wilde Dornbusch Trauben trägt

und selbst das rauhe Gestrüpp nach Balsam duftet

und von den harten Eichen Honigseim fließt.(5)

Dem eigentlichen Huldigungsgedicht (wiedergegeben sind hier nur fünf von insgesamt vierundvierzig Versen) folgen dann Anagramme der Fürstennamen, die in einer ‘Evolution’ erklärend ausgelegt werden. Durch Buchstabenumstellung („per Anagramma") wird so aus „Carolus Wilhelmus - Cor (=lat.:Herz); Laus (=Lob; Ruhm, Preis); vellus humi (= Wolle/Fell auf dem Boden)."

Entsprechend wird Karl Wilhelm gesehen als Herz (cor) voll Liebe zur Religion, als Lobpreis (Laus) der Gerechtigkeit und als taubesprengtes Vließ auf dem Boden, wobei die Bedeutung dieses Bildes wohl auch für den damaligen Leser erst durch einen Verweis auf eine entsprechende Bibelstelle im Alten Testament hergestellt werden mußte: Im Buch der Richter heißt es in Kapitel 6, Vers 37 , daß Gideon von Gott ein Zeichen erbittet: „Siehe, ich lege das Vließ eines Schafes auf die Tenne. Wenn nur auf dem Vließ Tau liegt, während sonst der Boden überall trocken ist, so weiß ich, daß Du Israel durch meine Hand erretten wirst, wie Du verheißen. Und so geschah es". Karl Wilhelm wird also gepriesen - so muß man das Bild wohl verstehen- als das von Gott gegebene Zeichen der Rettung.

Das Anagramm der Fürstin fällt kürzer aus; aus Sophia wird „HO! Apis" , verdeutscht also „Oh Biene!", was allerdings keineswegs im Sinne modernen Sprachgebrauchs als saloppe Anrede eines weiblichen Wesens mißverstanden werden darf, sondern eine rühmende Auszeichnung ist, stellt die Biene doch in der emblematischen Bedeutungslehre der Barockzeit ein Musterbild von Tugenden wie Gerechtigkeit, Lauterkeit und besonders von fleißigem Einsatz für das Allgemeinwohl dar. An Sophia wird vor allem ihr frommer Sinn gepriesen:

Wer ist unsere Fürstin, entsprossen aus altehrwürdigem Stamm,

die den Namen Sophia trägt, der auch ihre Weisheit bezeichnet?

Oh! Sie ist eine Biene, die alle übertrifft in der Liebe zur Frömmigkeit

und alle anderen Fürstinnen überragt an frommem Eifer;

denn wahrlich, sie blättert mit eigener Hand in der Bibel,

nicht nur am Tag, auch in der Nacht, um aus der Heiligen Schrift

himmlischen Honig in ihre Brust zu sammeln.

Besonders aufwendig gestaltet sind die Titelblätter solcher Huldigungsgedichte. Hier werden zunächst die Adressaten mit ihren Titeln ( in unserem Beispiel Karl Wilhelm, Fürst zu Anhalt, Herzog zu Sachsen, Engern und Westfalen, Graf zu Ascanien, Herr zu Zerbst, Bernburg, Jever und Kniphausen etc.) sowie der Anlaß aufgeführt; dann nennt sich der Verfasser, wobei Franciscus Tieffenbruch durchaus sein eigenes Profil verdeutlicht, denn selten fehlt bei ihm der Hinweis auf seinen dienstlichen Rang (Konrektor sowie Senior des Kollegiums) und auf seine literarischen Weihen, die sich u.a. in der Abkürzung P.L.C. für Poeta Laureatus Caesareus (=Kaiserlich gekrönter Dichter)(6) ausdrücken. In Form eines Mottos schließt in der Regel ein Distichon (=ein Kurzgedicht aus zwei Versen) vor dem Hinweis auf den Drucker das Titelblatt ab. Vielfach wird zu diesem lateinischen Distichon auch eine deutsche übersetzung bzw. Nachdichtung angeführt, somit finden wir hier auch deutschsprachige Lyrik bei diesem überwiegend in Latein schreibenden Autor. Bei dem betrachteten Huldigungspoem von 1690 lautet das deutsche Distichon:

„Der Fürst von Anhalt leb’/ auch sein Fürstlichs Gemahl/

Sey der Welt Ehren=Kron mit ihrer Fürsten=Zahl!" (7)

Einige andere Beispiele seien noch zitiert, um einen originalen Eindruck von Tieffenbruchs poetischer Produktion zu vermitteln.

Daß dieß/ so itzt geschicht/ ein werck des höchsten sey/

Bezeugt der Augen=Schein/ es bleibt wohl auch dabey.

(Gratulation zur Ernennung von Bernhard Scheer zum Superintendenten in Jever, 1689) (8)

Daß nichts gescheh’ ohn GOttes Rhat/ bezeugt der kluge Mann/

Und daß sein Wort wahrhafftig sey/ Die That beweisen kan.

(Ernennung von Peter Caspar Hupenius zum Superintendenten in Jever, 1692) (9)

Tieffenbruch verwendet in diesen und anderen Beispielen den Alexandriner, den sechshebigen jambischen Vers mit fester Zäsur, der in der Barockzeit außerordentlich beliebt war und sich auch in vielen anderen Gedichten der Sammlung findet (siehe z. B. die weiter unten wiedergegebenen Leichengedichte).

Die lateinischen Fassungen der Distichen nutzt Tieffenbruch mehrfach für sogenannte Chronogramme, eine im Barock beliebte Spielerei, bei der eine Jahreszahl im Text „versteckt" wird. Da die römischen Zahlen ja aus den Buchstaben des lateinischen Alphabets gebildet werden, ist das Prinzip recht einfach: Durch Großschrift oder anders hervorgehobene Buchstaben sollen auch als Zahl gelesen werden, der Leser muß dann nur noch die Zahlen zu einer sinnvollen Zeitangabe zusammenstellen.

Das sei am Beispiel des Chronodistichons in einem Gratulationstext für den Fürsten Christian Eberhard von Ostfriesland (10) verdeutlicht:

PraeCeLso à DoMIno VenIVnt, quos rebVs & arae

Prodesse, Vt Patres, atqVe praeesse IVVat.

Vom höchsten GOTT allein uns solche Fürsten kommen/

So fördern GOttes Ehr / und ihrer Leute frommen.

Die richtige Jahreszahl (und damit das Druckdatum) ergibt sich, wenn man die herausgehobenen Buchstaben (= Zahlen) des Distichons entsprechend anordnet: MDCVVVVVVVIII , also 1693, korrekter eigentlich MDCXCIII geschrieben.

Allerdings wirkt dieses „Puzzeln" doch sehr bemüht und dürfte für uns auch als Spiel kaum noch von großem Interesse sein.. Zur Zeit des Barock aber hatte man für solche formalen Experimente eine besondere Vorliebe, und Tieffenbruchs ‘Tiefsinn’ scheinen sie auf jeden Fall entgegengekommen zu sein.

 

II. Leichengedichte

Neben Huldigungsgedichten finden sich sehr viele Trauergedichte in der Sammlung. Als Beispiel seien einige vorgestellt, die aus Anlaß des Todes von Conrad Lübben im Mai 1700 entstanden sind . Conrad Lübben, 1657 als Sohn eines Kauf- und Handelsmanns in (Alt-) Garmssiel geboren, besuchte in Jever die Schule (das heutige Mariengymnasium), studierte nach weiterem Schulbesuch in Bremen dann in Leipzig die Rechte und wurde später Anhalt-Zerbstischer Regierungsrat in Jever. Er starb am 16. Mai 1700 und wurde am 27. Mai in der Stadtkirche beigesetzt.

Zu seinem Begräbnis wurden mehrere Beileids- bzw. Gedächtnisschriften gedruckt (in der Sammlung finden sich sechs Drucke). So gibt es ein „Ehren= und Denckmahl [...] aufgerichtet von einigen guten Freunden" und lassen „Einige aus den Jeverischen Land=Predigern" „ihre traurige und mitleidende Gedancken" drucken. Auch das Schulkollegium bezeugt seine „Schuldige Ruhm= und Tränen=Pflicht / über das zwar frühzeitige doch wohlselige Absterben des weiland Hoch=edlen / Fest= und Hochgelahrten Herrn/Herr Conrad Lübbens / beider Rechten Hochberühmten Licentiati, HochFürst. Anhaltinischen Hochbetrauten Regierungs= und Consistorial-Rats / auch Hochverdienten Rentmeisters der Herrschafft Jever / Abgestattet von Einigen Schul=Collegen, und andern Hochverbundenen Freunden." (11)

Der damalige Rektor der Schule, Florian Klepperbein (12), eröffnet die Sammlung mit einem

Sonett

Ihr Seelen/ die ihr hier auf dieser Angst=See schwebet

In steter Todes=Furcht und Höllen=gleicher Pein/

Wolt ihr auff selbiger noch ewig lebend seyn?

Man siehts/ wie ihr darnach mit grossem Eifer strebet/

 

Da ihr dem Zeitlichen euch allzusehr ergebet.

Gesetzt/ es blickt euch an ein falscher Glückes=Schein/

Doch wenn der letzte Sturm bricht unverhofft herein/

Hat man auch seeliglich und Göttlich denn gelebet?

 

Ach! Ach! vergeblich ist’s und keiner Mühe werth

In diesem Unglücks=Meer auf ewig wollen wallen.

Wohl denen/ welche früh in sichre Hafen fallen/

 

Da sie kein Ungestüm/ kein Sturm noch Angst beschwert!

Hochseeliger/ dein Geist hat dieses wohl erwogen/

Drumb hat er sich gar früh dem Himel zu gezogen.

 

Die christlichem Denken vertraute Idee, daß das irdische Leben des Menschen nur die Vorstufe zu einem Leben nach dem Tode ist und daß diese jenseitige Existenz die eigentliche Bestimmung des Menschen darstellt, ist für das Weltverständnis der Barockzeit von zentraler Bedeutung. In vielen Dichtungen der Zeit wird diese Vorstellung thematisiert, die diesseitige Welt wird in ihrer Relation zur jenseitigen gesehen und in ihrer Wichtigkeit entsprechend abgewertet. Das Motiv von der Nichtigkeit der Welt (Vanitas-Gedanke) durchzieht so das Werk von Andreas Gryphius, dem bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker und Dramatiker des 17. Jahrhunderts, und vieler anderer Autoren der Zeit.

Das diesseitige Leben ist für diese Dichtung gekennzeichnet durch Gefährdungen, welche den Menschen von seiner eigentlichen Bestimmung, der Ausrichtung auf die Ewigkeit, abbringen können. So wird es immer wieder verbildlicht als gefahrvolle Reise, bei der das Ziel, der „sichre Hafen" des seligen Todes und des übergangs ins Jenseits , nur allzuoft aus dem Auge verloren wird. In Vorstellungswelt und Bildlichkeit ist Klepperbeins Sonett völlig diesem Pol des barocken Weltverständnisses verpflichtet. Hier zeigen sich das tradierte Bild vom Leben als Seefahrt, die Abwertung ebendieses Lebens als Zeit der Kümmernis und der Gefahren („Angst=See"; „Unglücks=Meer"), der Vorwurf an die Menschen, diesem eitlem (= leeren) Leben allzusehr(„mit großem Eifer") anzuhängen und damit dem „falschen Glück" nachzujagen und möglicherweise auf den Tod(den „letzte[n] Sturm") nicht gut genug vorbereitet zu sein. Dem relativ frühzeitigen Tod des Betrauerten - Lübben starb mit 43 Jahren- wird vor diesem Hintergrund eine positive, tröstliche Bedeutung beigelegt: Sein eigentliches Ich hat die Vergeblichkeit irdischen Trachtens erkannt und den himmlischen Frieden gegenüber der falschen und gefahrvollen Welt vorgezogen.


Totenklage

Beginn der „Schuldige[n] Thränen=Pflicht" (XI Cf 1, Nr. 261), die der Schwager Johann Stamm gegenüber Johann Christoph Käsemann, Oberprediger zu Wiarden, gestorben am 19. Januar 1715 und beigesetzt am 29. des Monats, leistet und zugleich „gegen die Hochbetrübteste Fr. Wittib [= Witwe] sein herzliches Mitleiden abstatten und von Jena [wo Stamm studiert] überschicken" will. Johann Stamm gestaltet zu Anfang des Gedichts die Situation aus, in der er im fernen Jena die Trauernachricht (offenbar mit schwarzem Siegellack versehen) vom Ableben seines Schwagers erhält. Käsemann war vor seiner Predigertätigkeit Lehrer (Praeceptor) an der Schule. Die Zierleiste mit den beiden über dem Sarg trauernden Personen war vermutlich keine spezielle Anfertigung für diesen Druck, sondern lag als fertiger Druckstock vor, so daß sich dieses Bild auch auf anderen Trauerdrucken der Druckerei (hier: Müller, Jena) finden dürfte.


Es folgen eine lateinische Totenklage („Lessus Funebris") des Konrektors Franciscus Tieffenbruch und die „Klag= und Trostgedancken" des zweiten Konrektors Anton Günther Faselius (13) sowie eine „Grab=Schrifft" des Kantors Johann Gottfried Finck (14) - die Schulhierarchie spiegelt sich also in der Anordnung der Beiträge genau wider. Auch für das Gedicht von J. G. Finck spielt der Trostgedanke eine wesentliche Rolle. Er begründet sich hier in der christlichen Gewißheit von der Unsterblichkeit der Seele und der Wiederauferstehung des Leibes:

Grab=Schrift des Hoch=selig verstorbenen

Herrn Regierungs=Rahts

Hier liegt ein edles Herz/ darinnen hat gewohnet

Recht und Gerechtigkeit: Dennoch hat nicht geschonet

Der Todt/ der Menschen=Feind: in seiner besten Zeit

Mit seiner scharffen Senß hat er ihn abgemey’t:

 

Doch hat er ihn nicht ganz und gar gemacht zunichte/

Die Seele lebt und schwebt für Gottes Angesichte/

Der Leib den Würmern ist zur Speise eingesetzt

Im Sand / wie eine Bluhm/ die Thau und Regen netzt.

 

So bald die Morgen=Röht den jüngsten Tag einführet /

Wird grünen dieser Leib mit Farben schön gezieret:

In Gottes Paradeis wird er mit Ruhm und Ehr

Gezieret seyn / und denn verwelcken nimmermehr.

 

Das Gedicht setzt ein mit dem Lob des Verstorbenen, wobei entsprechend dessen öffentlicher Funktion sein Gerechtigkeitsempfinden als besonderer Charakterzug hervorgehoben wird. Der betrüblichen Tatsache, daß der Tod - hier in tradierter Weise verbildlicht als Sensenmann bzw. Schnitter- einen solch verdienstvollen Mann auf der Höhe seines Lebens dahingerafft hat, wird als Trost entgegengehalten, daß ebendieser Tod keine völlige Macht über den Menschen hat: Die Seele als unsterblicher Teil ist ihm nicht unterworfen, und auch der Leib wird am Jüngsten Tag wieder auferstehen und dann in verklärter Form an der Unsterblichkeit teilhaben. Die Drastik, mit der hier die vorläufige Vergänglichkeit des Leibes dargestellt wird - er dient den Würmern als Speise- entspricht durchaus einer verbreiteten Bildvorstellung der Zeit, bei verschiedenen Barockpoeten finden sich noch deutlich krassere Bilder. Die Idee der Wiederauferstehung wird dann mit ebenfalls konventionellen Bildern aus dem pflanzlichen Bereich veranschaulicht: der verklärte Leib wird mit einer schönen Blume verglichen, die nie verwelken wird. Allerdings kann die Verbindung der beiden Bildbereiche in dem Gedicht nicht überzeugen, besonders der letzte Vers der zweiten Strophe wirkt wenig gelungen (Der Vergleich „wie eine Blum, die Tau und Regen netzt" kann sich, auch wenn die Zeichensetzung dem entgegenzustehen scheint, eigentlich nur auf die Aussage der letzten Strophe beziehen, dann aber erscheint der übergang vom vorhergehenden Bild „Der Leib den Würmern ist zur Speise eingesetzt im Sand" zu unvermittelt.)

Der Archidiakon Anton Günther Flörke (15) hält die ‘Abdankungsrede’ (16), als Conrad Lübben am 27.Mai 1700„bey Abende in der Jeverischen Statt=Kirchen in seine Grufft gesencket wurde". Er schließt seine Rede mit dem Gedanken, daß das stetige Andenken an den Verstorbenen gleichsam einen materiellen Leichenstein ersetze. Damit dieser „nicht bloß und ohne Aufschrift uns künftig in die Augen falle/ so soll er mit einem PHOENIX bezeichnet sein: POST FATA SUPERSTES" (= ‘Nach Schicksalsschlägen überlebend’, bzw. ‘Schicksalsschläge überstehend’).

Dieses Motto wird dann mit einem Gedicht veranschaulicht, das hier wegen seiner interessanten Bildlichkeit wiedergegeben sei:

Den Marmel frißt die Zeit/ Verwesung steht für Augen/

Das Alterthumb kann auch die Dint’ aus Büchern saugen/

Der Rost verzehret viel: Doch nicht den Ehren=Ruhm/

Wo unsere Tugend ist recht unser Eigenthumb.

 

Denkt nicht Ihr Sterbliche! Der hier erblasset lieget/

Daß der gestorben sei: Der Geist hat obgesieget/

Der Leib ist in der Ruh: Die Tugend stirbet nicht/

Wie Amianthen-Stein im Feuer nicht zerbricht.

 

Die Sonne pflegt den Glanz beym Untergang zu mehren/

Zu zeigen: daß der Todt zum Tempel unsrer Ehren/

Wie Regen zu der Frucht/ den ersten Anfang macht;

So blüht der Tugend=Lob auch in des Grabes Nacht.

 

Wie aber nichts verdirbt/ das nicht was Neues hecket/

Selbst in dem Zeit=Verlust der Jahre Wachsthumb stecket:

So äschert offtermahls sich auch die Tugend ein/

Doch pflegt die Grufft von ihr ein Phoenix - Nest zu sein.

 

Das Gedicht beeindruckt durch die Fülle der Bilder, welche die literarische Gelehrsamkeit des Verfassers zeigen. Es beginnt mit Bildern der Vergänglichkeit: überall ist Verwesung zu beobachten, selbst scheinbar beständige Materialien wie Eisen und Marmor werden im Laufe der Zeit verfallen, ebenso wie das geschriebene Wort. Dem entgegen steht der unvergängliche Nachruhm des tugendhaft lebenden Menschen. Auch wenn der Leib begraben ist, bleibt die Tugend bestehen. Bild dieser Beständigkeit ist der Diamant, der auch im Feuer nicht zerbricht. Wie die Sonne in ihrem Untergang besonderen Glanz entfaltet, so läßt der Tod die ruhmvollen Tugenden eines Menschen erst in ihrem rechten Licht erscheinen. Entsprechend der organischen Entwicklung in der Natur wird in jedem Vergehen von etwas Altem zugleich das Werden eines Neuen gesehen. Diese Vorstellung konzentriert sich dann im emblematischen Bild des Phoenix, der sich selbst verbrennend wieder von neuem und noch schöner entsteht. Im Zusammenhang des Gedichtes ist damit wohl zunächst das Weiterleben in unvergänglichem Nachruhm angesprochen - die Idee, daß der irdische Ruhm über den Tod triumphiert, findet sich in Dichtung und Kunst der Renaissance- und Barockzeit mehrfach (17)- , ganz sicher schwingt aber darüber hinaus wie im zuvor wiedergegebenen Gedicht des Kantors Finck die Vorstellung der Auferstehung vom Tod mit.

 

III. Hochzeitsgedichte

Anton Günther Flörke, aus dessen Nachruf auf Conrad Lübben gerade zitiert wurde, war zu Beginn seiner theologischen Laufbahn Prediger in Sande. Am 29. Juni 1685 heiratete er in Jever Sophia Maria Jaspers, Tochter des Kaufhändlers Bernhard Jaspers aus Schaar. Zu diesem Anlaß erscheint neben anderen Drucken ein ‘Glückwünschender Zuruf [...] von etlichen Bekandten/ und mit Ihrem vertrauten Freunde sich freuenden Freunden aufgesetzt’ (18). Darin findet sich folgendes

Madrigal

Herr Flörke liebt ein schönes Blühmgen sehr/

Er hat sie schon jetzunder bey dem Stiehle/

Sie galt wer weiß wie viele/

Und hat auch keinen üblen Kauff getan/

Denn Sie ist her aus solchen schönen Garten/

Darinnen nichts als gute Kräuter ahrten.

Er fange nur fein dreist zu pflanzen an/

Ich weiß das Erdreich hat schon Hitze gnug/

Und ist auch wasserreich/

so wird man ungefehr nach einem Jahr

Gibt sonst GOtt der HErr Gedeyen/

Zu Eurem Saamen streuen

Woll sehen daß die Blume ist wie der Garten wahr.

L.J.E.O.H.

 

Das Gedicht, dessen Verfasser sich für uns am Schluß unter seinen Initialen verbirgt, spielt mit der durch den Namen des Bräutigams gegebenen Assoziation ‘Blume’ ( vergl. Flora und franz. ‘fleur’; die spätere Schreibweise Fleurquen macht den Bezug noch deutlicher). Die gewählte Braut ist somit das geliebte Blümchen, aus gutem Garten (=guter Familie) stammend, und weil mit der Hochzeit die Verbindung der beiden festgeschrieben wird, hält der Bräutigam sein Blümchen schon fest am Stiel. Da in dichterischer Sprache das Bild des Blumenpflückens vielfach als Umschreibung für Defloration gewählt wird, kann man in diesem Vers durchaus auch eine Anspielung auf das bevorstehende Geschehen in der Hochzeitsnacht sehen.

Überhaupt verwundert uns Heutige, mit welch drastischen Umschreibungen auf die Zeugung von Nachwuchs als wesentliches Eheziel hingewiesen wird. Vergegenwärtigt man sich, daß solche Gedichte auf der Hochzeitsfeier auch vorgetragen wurden, wirkt der Hinweis auf die in Saft und Hitze stehende Braut, die - wie die fruchbare Gartenerde für den säenden Gärtner- ganz bereit ist für den ‘samenstreuenden’ Ehemann, auf uns doch eher als peinliche Entgleisung. Für die damalige Zeit aber war dieser Eindruck wohl nicht so, in verschiedenen Hochzeitsgedichten der Barockepoche nämlich finden wir durchaus vergleichbare handfeste Aufforderungen zum Liebesvollzug zwecks Zeugung von gottgewolltem Nachwuchs (19).


Hochzeitsgedicht

Vordere Innenseite des Hochzeitsdruckes (IX Cf 1, Nr. 254) anläßlich der am 4. Juli 1695 erfolgten Eheschließung von Hermann Conrad Rittershusen, Prediger zu Sillenstede, mit Sophia Margaretha Flörcke(n), nachgelassener Tochter des weiland gewesenen Neuenburgischen Amtmanns Johann Flörcke(n). Rittershusen, geboren in Minsen, wurde später (1701) Prediger in Sande, er starb 1720. Eine derart aufwendige Illustration scheint eher die Ausnahme zu sein, zumindest findet sich unter den übrigen Drucken der Sammlung kaum ein vergleichbares Beispiel. Das allegorische Bild stellt den Bund ehelicher Liebe dar. Der Druck enthält ein Hochzeitscarmen des Bruders des Bräutigams (Ludolph Ritterhusen) sowie ein weiteres und ein Rätsel des Varelers Johann Anthon Arens.


So wird auch in einem im Oktober 1690 gedruckten Gedicht (20) zur Hochzeit des Clevernser Predigers Heinrich Toel (21) mit Agnes Magarete Voss ein ähnlicher Appell formuliert:

Die Lieb=reiche Natur

Was lebet / liebet auch: Auch selbsten Mond und Sterne /

Ja Bäume küssen sich: Es küßt sich Wald und Feld /

Man schau den Himmel an / man suche nah’ und ferne;

Der Ausspruch bleibet wahr: Die Lieb erhält die Welt.

Man sieht nicht nur allein das Graß die Wiesen küssen/

Wenn sie zur Sommer=Zeit die grüne Kleidung ziehrt;

Man wird im Winter auch / wen’s friert / bekennen müssen/

Daß selbst der Schnee die Erd’ als seine Braut berührt/

Die Dächer unsrer Statt / mit langem Eiß vermählet /

Sind Zeugen daß der Frost ganz keine Liebe trennt:

Der Bäume weisser Reiff/ so diesen Sitz erwählet/

Beweiset / daß auch er von heisser Liebe brennt;

In dem er deren Zweig/ als küßt er sie/ umfasset/

Bis ihn der Sonnenschein herunter fallen heißt:

So daß die Kälte selbst/ was kalt von Liebe/ hasset;

Ja alle Kreatur der Wärme gern geneußt.

Was nun im Winter gilt/ kan auch im Sommer gelten;

Was man im Frühling thut / läßt auch der Herbst geschehn:

Wer will denn Euren Schluß / verliebte Sinnen / schelten/

Daß man Euch heute sieht nach einem Bette gehn?

Woselbst die süsse Lust Euch beiderseits ergötzet/

Der Ihr zu danken habt/ daß man Euch Menschen nennt;

Darauf des Priesters Mund Seegen hat gesetzet/

Daß ihr nach kurzer Zeit die Würkung spüren könnt/

Ein Land=Mann ist bemüht/ den Acker jetzt zu pflügen/

Und hofft von seiner Saat die Frücht um Jacobs-Tag:

Daß Ihr noch eh’ als er (die Rechnung wird nicht triegen)

Zur ärndte kommen könnt/ so folgt ihm hierin nach.

Gebraucht der Jugend Lust/ und denkt: In allen Dingen

Hat jedes seine Zeit vom Himmel selbst bestimmt.

Wenn Ihr nur dem vertraut/ so wird es Euch gelingen/

Daß keusche Liebe stets in Euren Herzen glimmt.

Das weiche Feder= Bett kann Euch zum Merckmahl dienen/

Daß Lieb und sanffter Sinn im Eh’stand Ruh erweckt.

Und darff ich weiter noch zu scherzen mich erkühnen?

So lehrt das weisse Tuch/ womit Ihr Euch bedeckt/

Die reine Lust der Eh’/ so GOtt hat eingesetzet/

Als Er im Paradies des Adams Seite brach:

Der Küssen Name sagt/ womit Ihr Euch ergötzet/

Wenn Ihr der Liebe Zoll entrichtet Nacht und Tag.

Seid Ihr es nicht gewohnt/ die Zeit wird alles lehren/

Was Tücher/ Küssen/ Bett/ und andre Sachen sein.

In des kan Lieb und Lust sich täglich noch vermehren/

Daß lauter Süssigkeit bey Euch sich finde ein/

Und solche lasset denn von Euren Lippen fließen/

Und nichts als Freud und Ruh mit Euch zu Bette gehn.

Der Himmel wird Euch stets mit süssem Tau begießen/

Und lassen Kindes=Kind bei Ihm in Gnaden stehn.

Ist etwas so Ihr wünscht/ das woll Euch der verleien/

Der Glück= und Unglücks=Fäll’ in seinen Händen hat:

Der geb / Herr Pastor, Euch im Lehr=Amt sein Gedeien/

Und Beiden/ weil Ihr lebt/ im Ehstand Trost und Raht.

Dies ist der kurze Wunsch/ den ein Bekanter schreibet/

So gut er immer kan/ zum Zeugnis seiner Pflicht;

Der/ wie er schüldig ist/ Euch Beiden treu verbleibet/

Und Euer Freund und Knecht alstets zu sein verspricht.

 

Der Verfasser des hier abgedruckten Gedichtes, der in einer nachgestellten Widmung als Freund das Brautpaar seiner ‘Immerwährenden Redlichkeit Versichert’, ist uns namentlich nicht bekannt. Das bedeutet übrigens nicht, daß er anonym bleiben wollte; wir können vielmehr davon ausgehen, daß er mit den im Druck hervorgehobenen Buchstaben I R V im Abschluß der Widmung seine Namensinitialen nennt und daß das damalige Festtagspublikum ihn durchaus kannte. Dieses Sichverstecken ist geradezu Teil barocker Spielfreude, den Gästen und dem Brautpaar wurde ein Rätsel aufgegeben, dessen (in diesem Fall sicher sehr leichte) Lösung zum festlichen Vergnügen beitrug.


Gratulationsgedicht

Titelblatt des Gratulationsgedichtes (XI Cf 1 Nr. 56) von Wolfgang Laurenz Bruschius (siehe Anm. 26) zur 1702 erfolgten Berufung des damaligen Rektors Florian Klepperbein (siehe Anm. 12) in das Amt des Superintendenten von Jever. Deutlich wird das Bemühen des Druckers um dekorative und repräsentative Gestaltung, die zudem die Erfordernisse der Etikette beachten muß (der Name des zu Feiernden darf im Druckbild nicht stärker hervorgehoben werden als der des Fürsten, dem er seine Berufung verdankt). Der Titel vermittelt auch einen Eindruck von der auf uns Heutige eher schwulstig und überladen wirkenden Sprache der Zeit. Das Bild des hellglänzenden Spiegels (Klepperbein als leuchtende Koryphäe des Geistes), der aus der Musenwerkstatt (also aus der Schule, deren Jubiläum wir begehen) genommen und im Kirchsaal mit neuem Rahmen versehen (er ist jetzt Licentiat und erwirbt weitere Titel) aufgestellt wird, ist gleichsam die „Erfindung" (i.S.v. zündender Idee), die im eigentlichen Gedicht dann ausgestaltet und erklärt wird:

Der Spiegel, der bisher „durch seine Spiegel=Krafft / Der Jugend vorgeleucht", soll jetzt „mit seinem hellen Schein / An seinem neuen Orth im Kirchen Saal" Nutzen erweisen. Das Gedicht schließt dann mit dem Wunsch nach einem erfolgreichen und noch lange Jahre währenden Wirken: „daß dieser Spiegel gut / ja Allen Alles sey. / Gott laß denselben nur sehr viele Jahre scheinen / Den Bley= und Silber=Grund am Glase feste seyn / Damit Ihn Stadt und Land gar späte mag beweinen / Wenn Er nun seinen Platz nimmt in den Himmel ein."


Die Eingangsthese des Gedichts, daß alles, was lebt, auch liebt, wird zunächst in einer weit ausholenden Betrachtung verifiziert, welche die durchaus reizvolle Vorstellung gestaltet, daß ein Geflecht wechselseitiger Liebesbeziehungen die gesamte Natur durchzieht. In dieses geradezu kosmische Gesetz ist somit auch die Liebesbeziehung von Heinrich Toel und Agnes Magaret Voß eingebettet, die, nachdem sie durch den priesterlichen Segen ihre eheliche Weihe erfahren hat, ihren ersten Höhepunkt in der bevorstehenden Hochzeitsnacht finden wird. Die folgende Ermahnung zur Zeugung von Nachwuchs kommt fast einer Aufforderung zu einem Wettlauf gleich: Der Hochzeitstag ist der 9. Oktober; um diese Zeit wird auch die Wintersaat ausgebracht, die dann um den Jakobstag (25. Juli) des Folgejahres erntereif wird. Wenn die Brautleute sich nur sputeten, könnten sie dem Landmann zuvorkommen und ihre ‘Ernte’ noch vor dem Jakobstag einbringen. Und selbstverständlich wird das „Pflügen des Ackers" auch in der bildlichen übertragung als ein gottgefälliges Werk verstanden, vollzieht es sich doch im Ehebett, dessen Federpfühl, weißes Tuch und Kissen im weiteren als Sinnbilder der ‘reinen’ (da ehelichen) Liebestätigkeit ausgedeutet werden. Zumal das Bild des Kissens gibt Gelegenheit zu (sicher nicht sonderlich originellen) Anspielungen auf eheliches Turteln, ist doch im 18. Jahrhundert noch die ursprüngliche Wortform ‘Küssen’ (22) verbreitet.

 

IV. Gedichte zu anderen Gelegenheiten

Hochzeit und Tod sind zweifellos die Ereignisse, zu denen das Gros der Gelegenheitsdichtung verfaßt wurde. Daneben gibt es aber eine Vielzahl weiterer bedichtenswerter Anlässe. Junge Männer z.B., die nach dem Schulabschluß zum Studium aufbrachen, wurden von ihren Schulfreunden mit der überreichung gedruckter Gedichte verabschiedet. So enthält die Sammlung u.a. ‘Schuldige Ehren=Zeilen/ Welche Seinen Wehrtesten und Liebsten gewesenen Mitschülern/ Herrn G.R.Bruncken, Herrn A. Garlichs; Herrn H. Eils/ Bey Ihrer Abreise nach Wittenberg wollmeinend überreichet Ernst Christian Grosse, Lycei, quod Jeverae floret,Alumnus’ (=Schüler des Lyzeums, das zu Jever blüht) (23). Ebendiesem Ernst Christian Grosse werden im gleichen Jahr 1712 von einigen guten Freunden „und bisher gewesene[n] Mitt=Schüler[n] ‘Schuldige Valet- und Abschieds=Opffer’ dargebracht, als er „von hier nach der Universität Jena" aufbricht. Entsprechend werden dann an der Universität bestandene Examina von den Kommilitonen besungen sowie die Abschiede von der Universität in das künftige Berufsleben. Herausragende Ehrungen oder berufliche Beförderungen sind ebenso Gegenstand der Gelegenheitsdichtung. So erhält z.B. Joachim Anckum Glückwünsche, als er 1693 zum Bürgermeister der Stadt Jever ernannt wird (24), oder finden sich zu der 1713 erfolgten Ernennung des bereits oben mehrfach erwähnten Anton Günther Fleurquen zum Superintendenten in Jever drei Gratulationsdrucke in der Sammlung (25). Aus gleichem Anlaß wird Florian Klepperbein, der bis dahin Rektor der Schule war, 1702 von Wolfgang Laurenz Bruschius gratuliert (26). Dieser sieht die Beförderung des zu Feiernden offenbar mit gemischten Gefühlen an, bedeutet sie doch dessen Weggang von der bisherigen Wirkungsstätte, der Schule:

Der Schade ist zu groß/ ich weiß er wird bedauret/

In vieler Eltern Sinn ist diß ein harter Schluß/

Das edle Musen=Volck/ die dunckle Werck=Statt trauret/

Weil sie den hellen Glanz jtzund verliehren muß.

Allein wer will hier nicht des Höchsten Hand erkennen/

Die nichtes unbedacht und ohne Nutzen thut/

Will man den Wechsel gleich der Schulen Schaden nennen/

So ist derselbe doch der Kirchen wieder gut.

Die gleiche Denkfigur, daß eine ehrende Berufung zugleich einen schmerzvollen Verlust für den bisherigen und einen Gewinn für den neuen Wirkungsort darstellt, findet sich in einem langen Carmen, mit dem im Jahre 1709 der gebürtige Zerbster Gottfried Victor Möhring von seinen „allhier studierende[n] Landesleute[n]" an der Universität Wittenberg nach Jever verabschiedet wird, wohin er von seinem Landesherrn als Rektor der Schule berufen worden ist. Die Freunde sehen seinen Aufbruch in das ferne Friesland offenbar mit Bedauern. Mit ihrem Gedicht (27) preisen sie unter Anspielung auf den Vornamen Victor ( lat. = der Sieger) die Sieghaftigkeit von Möhrings bisherigem Universitätsdasein in Wittenberg und wünschen ihm für seine Zukunft in Jever ebenso siegreiches Gelingen:

Nun aber soll es [gemeint ist Wittenberg] Dich/ Hochwerther Sieger missen

Indem die Schule Dich in Jevern von uns nimmt/

Dieselbe will Dich nun/ als einen Sieger / küssen/

Und hat auch schon vor [=für] Dich den Sieges=Lohn bestimmt.

Sie rufft: Verzeuch doch nicht/ Lehr’ unsere Jugend siegen/

Daß Faulheit/ ignorance, als Feinde/ unterliegen.

 

Gewiß recht wunderlich/ Du gehst vom Sieg zu Kämpffen/

Denn Jugend aufferziehn ist gar ein harter Streit.

Man dencke/ muß man nicht verschmitzte Feinde dämppffen

Und die doch jederzeit zum größten Kampff bereit.

Jedennoch läßt Du Dich hierzu nicht feige finden/

Du sprichst: Ich kan mit GOtt in allen überwinden.

 

Wohlan, so ziehe hin/ der Himmel will es haben/

Wir alle rufen Dir ein frohes VIVAT zu/

Geh’/ kämpfe ritterlich/ so wirst Du Jevern laben/

Als Sieger siege stets in angenehmer Ruh’/

Dein Reisen lasse Gott zum frohen Ende kommen/

So wird nach vollem Kampff der Sieges=Schmuck genommen.

 

Die Sicht von Schule als einem Schlachtfeld zwischen Lehrern und Schülern, auf dem es um Siegen oder Besiegtwerden geht entspricht ganz sicher nicht mehr modernem pädagogischem Selbstverständnis - in einem Punkt aber vermag die Metaphorik des Kampfes auch heutiges Bemühen noch sinnvoll zu bezeichnen: Schule hat den Kampf gegen die Ignoranz auf ihre Fahne geschrieben. Möhring hat in diesem Bemühen offenbar gute Erfolge gehabt, denn „die Verehrung seiner Zeitgenossen genoß er in vollstem Maße" (28). Er „hat als Rector viele lateinische wohlgesetzte Programmata drucken lassen und war ein gelehrter und sehr aufrichtiger Mann." (29)

 

V. Abschließende Betrachtung

Gottfried Victor Möhring hat sich am 2. November 1708 von seinen Freunden in Wittenberg verabschiedet, knapp ein Jahr später , am 25. September schließt er in Jever die Ehe mit Sophia Katharina Töpken, der Tochter des „Hoch=Gräflich=Aldenburgischen Burg=Grafens zu Kniephausen". Zu diesem Anlaß übersenden ihm „Hohe Gönner/ Eltern und Anverwante" aus Zerbst einen Druck mit Gedichten (30), von denen hier das des Vaters Paul Heinrich Möhring, Archidiakon in Zerbst, wiedergegeben sei:

Mein GOTT hat Dich/ mein Sohn/ vor numehr einem Jahre/

Durch unser Obrigkeit/ ins Jeverland gesand

Zum Rector=Ampt/ und Dich gesund und ohn Gefahre

Erhalten/ auch sein Heil von Dir nicht abgewand;

Dafür sey Ihm die Ehr’ und Lob und Danck gegeben!

Nun kommt in diesem Jahr die Post vom Ehe=Stand/

In welchem Du mit Gott gedenckest wohl zu leben

Mit der/ Die Dir vertraut wird durch des Priesters Hand.

Das ist ja Gottes Schluß/ man soll nicht einsam leben/

Allein seyn sey nicht gut/ Vergnügen sey bereit

Denn/ Wer ein frommes Herz erwehlt zur Hülff darneben/

Der hat den Himmel halb/ bey süsser Freundligkeit.

Glückselig ist der Mann/ wann güldner Fried regieret

Das Haus und Ehe=Stand/ und wann der Grund besteht

Auf Gottesfurcht und Lieb; Wo das nur wird verspüret/

Da siehet Freund und Feind/ was gut von statten geht.

Wohl Euch drum/ Liebes Paar! Gott laß es Euch erlangen/

Und segne Euren Stand/ mit frohen Liebes=Schein/

Daß Eltern Beyderseits darüber Freud empfangen/

Wann Ihr an Seel und Leib beglücket werdet seyn.

Wir bitten Gott vor Euch/ Ihr werdet gleiches thun/

GOtt aber/ der es hört/ wird Gutes auf uns schütten/

Biß daß Wir Lebens satt in seinem Schoße ruhn.

 

Den Eltern und den übrigen Verwandten aus Zerbst war es angesichts der damaligen Verkehrsverhältnisse wohl nicht möglich, an der Hochzeitsfeier des Sohnes im fernen Jeverland persönlich teilzunehmen. Es können nur postalisch bzw. über Boten Glückwünsche zu diesem Ereignis übermittelt werden. Wenigstens das zu tun, ist aber dem Vater offensichtlich ein echtes Anliegen. Man spürt in diesem Gedicht die innere Teilnahme des Verfassers, hier wird wirklich „aus Väterlichen [sic!] Hertzen" geschrieben. Dem Sohn etwas mit auf den Weg zu geben ist elterliches und pastorales Bedürfnis, es geschieht in ungekünstelter Form und mit vergleichsweise schlichten Worten. Zumindest in gewissem Maß ist dieses Gedicht bestimmt durch seinen privaten Charakter, ein Kriterium, das allen anderen hier wiedergegebenen Gelegenheitsgedichten weitgehend fehlt. Das wird besonders deutlich, wenn man zum Vergleich ein Gedicht heranzieht, das zum gleichen Anlaß entstanden ist und als Einzeldruck in der Sammlung (31) vorliegt. Zitiert sei hier nur der Schluß; zunächst macht der Verfasser Andreas Hoffart dort eine rätselhafte Aussage zum Alter der Braut:

Du [= der Bräutigam] hast Sophiam Dir zu Deiner Braut erlesen/

Auf ihre Jahre gieb doch aber etwas Acht/

Sie ist vor langer Zeit schon tausend alt gewesen:

Was hat die Jugend bey dem Alter denn vor Macht?

Dann folgt die Auflösung des Paradoxons:

Er [= der Bräutigam] weiß die Sache nicht von der Persohn zu scheiden/

Sophia bleibt zwar alt/ und doch Sophia nicht:

Gelehrter Mann/ Du hast die größte Lust an beyden/

Und giebst dich dieser hin/ weil solches jene spricht.

Ich seh im Geiste nun dein Wohlseyn täglich blühn/

Der Himmel küßte dich durch ein angenehmes Kind.

Du lebst nunmehr vergnügt/ und alle das Bemühen

Ist nicht umbsonst geschehn/ das so den Ausgang findt.

Das hat dein Diener bey sich gar genau getroffen/

und setzet letzlich noch zu jenem dieses bey:

Man könnte mit der Zeit auch junge Sophos hoffen/

Weil nun ein Sophos in Sophiens’ Armen sey.

 

Wie in dem eingangs des Aufsatzes erwähnten Huldigungsgedicht Tieffenbruchs auf das Zerbster Fürstenpaar liefert auch hier der Name Sophia eine wesentliche Erfindung für das Gedicht, ist Sophia doch auf der einen Seite der Name der Braut, auf der anderen die griechische Bezeichnung für Weisheit, als diese ist sie alt, als jene dagegen jung an Jahren. Der Bräutigam als „gelehrter Mann" hat sich beiden ergeben, ja es erscheint geradezu als Ratschluß der Weisheit, daß er sich die Braut Sophia erwählt hat. Und da mit ihm nun ein Weiser in Sophias Armen liegen wird, ist sicher nach Ablauf der naturgegebenen Zeit mit einem jungen Weisen zu rechnen - der in vielen Hochzeitsgedichten geäußerte Nachkommenwunsch beschließt auch hier das Carmen. übrigens: Der junge Weise hat sich dann auch tatsächlich eingestellt; am 22. Juli 1710 wird als ältestes von acht Kindern Paul Heinrich Gerhard Moehring geboren, der sich als Arzt und Naturwissenschaftler in seiner Zeit einen großen Namen erwerben sollte.

Das Gedicht von Andreas Hoffart steht - wie an dieser kurzen Betrachtung deutlich wird- ganz in der Tradition der Hochzeitscarmen der Zeit um 1700. Ableitung einer wichtigen Idee aus dem Namen, Aufstellen einer rätselhaften bzw. paradoxen Behauptung, die dann aufgelöst wird, leicht durchschaubare Verschlüsselung des gattungsbedingten Nachkommenwunsches - genau das sind typische „Konstruktionsmerkmale" dieser Lyrik (32). Und „konstruiert" wirken die meisten der zitierten Gelegenheitsgedichte tatsächlich, und damit sprechen sie uns als heutige Leser kaum noch an, geht doch unsere Erwartung an Lyrik eher davon aus, daß diese Originalität zeigt und sich in ihr das Fühlen eines lyrischen Ichs unmittelbar ausspricht.

Mit ebendieser durch das Dichtungsverständnis späterer Epochen (Empfindsamkeit, Sturm und Drang) geprägten Erwartungshaltung aber dürfen wir der Gelegenheitsdichtung der Barockzeit nicht entgegentreten. In ihr drückt sich vielfach gerade nicht subjektives Fühlen und Erleben aus, sie sind vielmehr vor allem auch das Produkt gesellschaftlichen Zwanges. Zu Gelegenheiten, die wie Hochzeiten, Beerdigungen; Fürstenbesuche und andere aus dem Alltagsleben herausragen, mußten geradezu entsprechende Carmina verfaßt werden. Das war Zeitgeschmack und damit auch Modediktat. Daß die Autoren durchaus diese Verbindlichkeit sahen, drückt sich auch in den oben wiedergegebenen Gedichten aus, wenn z.B. auf dem Titelblatt eines Beerdigungsdruckes davon die Rede ist, daß man seine „schuldige [...] Thränenpflicht" erbringt, oder ein Hochzeitscarmen endet: „dies ist der kurze Wunsch/ den ein Bekannter schreibet/ so gut er immer kann/ zum Zeugnis seiner Pflicht". Offensichtlich haben die Autoren aber durchaus einen gewissen Ehrgeiz auf die Erfüllung dieser Pflicht verwandt, waren die Ergebnisse doch Gegenstand eines wenn auch begrenzten öffentlichen Interesses - W. Segebrecht geht in seiner Untersuchung von einer durchschnittlichen Auflage von 100 bis 150 Exemplaren pro Gelegenheitsdruck aus (33), außer den direkten Adressaten erhielt jeder Teilnehmer der betreffenden Feier ein Exemplar, zudem wurden weitere an Freunde und Kollegen überreicht. Außerdem erforderte sicher der Anspruch der Adressaten ein gewisses Niveau, waren doch auch für diese Zahl und Qualität der erhaltenen Gelegenheitsdrucke Ausdruck ihres gesellschaftlichen Ansehens. Gerade das bürgerliche Selbstwertgefühl bestimmte sich in dieser Epoche auch über die empfangene bzw. selbst verfaßte Gelegenheitsdichtung.

Daß trotz allem Ehrgeiz das Produkt nicht immer hohen Qualitätsansprüchen entsprochen haben mag, lag außer an poetischen Unvollkommenheiten des Verfassers, der diese Arbeit ja in der Regel nur nebenberuflich ausübte, sicher auch an anderen Umständen; in Betracht zu ziehen ist z.B., daß für die Abfassung oft nur ein relativ kurzer Zeitraum zur Verfügung stand (etwa bei Leichengedichten). So verwundert es auch nicht, daß häufig auf bereits geprägte Bildvorstellungen und Denkfiguren zurückgegriffen wurde - aber ebendies war für die poetologischen Vorstellungen der Barockzeit ja keineswegs per se ein Makel.

Vor dem zuletzt knapp skizzierten Hintergrund sind die Beispiele von Gelegenheitsdichtung zu sehen, die in den beiden Sammelbänden in der Bibliothek des Mariengymnasium enthalten sind. Im Zusammenhang dieses Aufsatzes haben davon nur diejenigen interessiert, die einen Bezug zu Jever und insbesondere zu Themen bzw. Personen haben, die mit unserer Schule in Verbindung gebracht werden können. Sicher gehören die zitierten Gedichtbeispiele nicht zur hohen Literatur der Zeit - Absicht dieses Textes ist es ja auch nicht, etwa zu Unrecht vergessene friesische Dichter zu rehabilitieren. Sie können aber ein Bild vermitteln, wie ein literarisches Massenphänomen der Zeit sich konkret in der Region ausdrückt. Auch und gerade die Provinz hat der damaligen literarischen Mode gefrönt, das Jeversche Bildungsbürgertum und seine Schule haben dabei keine Ausnahme gemacht.

Diesen weithin vergessenen bzw. übersehenen Sachverhalt (und damit eine für uns Heutige weit zurückliegende Epoche) für einen Moment wieder ins Blickfeld zu rücken - dafür scheint mir das 425 -jährige Jubiläum unserer traditionsreichen Schule ein geeigneter Anlaß.

 

(1) Als grundlegend ist hier zu nennen: Wulf Segebrecht, Das Gelegenheitsgedicht. Ein Beitrag zur Geschichte und Poetik der deutschen Lyrik. Stuttgart 1977. Die folgenden Ausführungen greifen mehrfach auf die Ergebnisse von Segebrecht zurück.

(2) Eine frühere Veröffentlichung von Beispielen aus der Sammlung erfolgte in den 'Beiträge[n] zur Specialgeschichte Jeverlands. Auf Veranstaltung des Hülfsvereins für die Provinzialschule gedruckt’ Jever, bei C.L. Mettker 1853. Dieser Band enthält eine Reihe von Artikeln zu verschiedenen Themen aus der Schulgeschichte, darunter die „Sammlung einiger Gelegenheitsschriften aus dem siebzehn-ten und dem Anfang des achtzehnten Jahrhunderts, welche theils nach den persönlichen Verhältnissen ihrer Urheber, theils aber auch dem Gegenstande nach, Jever angehören" (a.a.O. S. XXXII - LXII). Auf die „Beiträge zur Specialgeschichte Jeverlands", besonders auf das „Verzeichniß der Superintendenten und Stadtprediger in Jever, seit der Reformation, und sämmtlicher Lehrer der Provinzialscule...", gehen auch, sofern nicht anders vermerkt, die im folgenden Text aufgeführten biographischen Hinweise zurück.

(3) Die Gesellschaft war in vier Zünfte unterteilt: die Rosenzunft mit 81 Mitgliedern; die Lilienzunft mit 49 Mitgliedern, die Nägleinzunft mit 25 Mitgliedern, als letztes die 1679 ins Leben gerufene Rautenzunft mit (vorgesehen, aber wohl nicht erreicht) 144 Mitgliedern. Vergl. dazu Karl F. Otto jr., Zu Zesens Zünften.In: Philipp von Zesen. 1619 - 1969. Beiträge zu seinem Leben und Werk. Hrsg. v. Ferdinand van Ingen; Wiesbaden 1972. Nach den Angaben bei K.F.Otto trägt Tieffenbruch die Mitgliedsnummer 177 der Gesellschaft, er dürfte demnach das 22. Mitglied der Rautenzunft sein.

(4) XI Cf 1 Nr. 20; Druck: Johann Erich Zimmer u. Nicolaus Götjen, Oldenburg

(5) Es handelt sich bei diesen Versen ebenso wie bei der folgenden Auslegung des Anagramms von Sophia um eine recht freie Nachgestaltung der lateinischen Vorlage von F. Tieffenbruch durch den Verfasser.

(6) Im Zusammenhang mit dem 25jährigen Stiftungsfest der Genossenschaft 1668 war Philipp von Zesen zum ‘kaiserlichen Pfalzgrafen’ ernannt worden und konnte damit kraft kaiserlicher Vollmacht selbst den Dichterlorbeer verleihen. Seitdem nahm die Zahl der ‘Kaiserlich gekrönten Poeten’ in seiner Gesellschaft deutlich zu. Information nach: Karl Dissel, Philipp von Zesen und die Deutschgesinnte Genossenschaft, Hamburg 1890

(7) Bei allen Zitaten aus den Quellen wurde die damalige Rechtschreibung weitgehend beibehalten.

(8) XI Cf 1 Nr. 53; Druck: Johann Erich Zimmer u. Nicolaus Götjen, Oldenburg

(9) XI Cf 1 Nr. 54; Druck ebenda

(10) XI Cf 1 Nr. 26; Druck ebenda

(11) XI Cf 1 a Nr. 143; Druck: Herman Brauer, Bremen

(12) Florian Klepperbein , geb. 1652 in Buttersdorf (Schlesien), gest. 1712; von 1683 bis 1702 Rektor der Schule; ab 1702 Superintendent in Jever.

(13) Anton Günther Faselius, geb. 1664 in Schwei, gest. 1733; seit 1695 Konrektor.

(14) Johann Gottfried Finck , seit 1693 Kantor, starb 1701.

(15) hier wird der Name in der Form wiedergegeben, wie er sich in den hier zitierten Druckschriften vorfindet; in späteren Quellen, so auch in den Prediger-Verzeichnissen des Jeverlandes, liegt nur noch die Namensform Fleurquen (auch Fleurque) vor. Anton Günther Fleurquen, geb. 1685 in Neuenburg, wurde 1685 in Sande als Adjunctus ordiniert, kam 1692 als Diakon nach Jever, wo er 1694 Archidiakon und 1713 Superintendent wurde; er starb 1719.

(16) XI Cf 1a Nr.140a (‘Das Letzte Ehren=Gedächtniß [...]’)

(17) vergl. dazu Friedrich-Wilhelm Wentzlaff-Eggebert, Der triumphierende und der besiegte Tod in der Wort- und Bildkunst des Barock; Berlin u. New York 1975 S.17

(18) XI Cf 1 Nr. 106; Druck: Johann Erich Zimmer, Oldenburg

(19) siehe dazu das Kapitel ‘Drastische Aufforderungen zum Liebesvollzug’ bei W. Segebrecht, a.a.O., S. 157 - 161

(20) XI Cf 1 Nr. 107; Druck: Zimmer u. Götjen, Oldenburg

(21) Heinrich Toel (Henricus Toelen), geb. in Jever 1661; nach Predigertätigkeit in Cleverns 1694 als Diakon nach Jever berufen, seit 1713 Archidiakon, gest. 1721.

(22) Nach dem Duden - Herkunftswörterbuch setzt sich die Form ‘Kissen’ erst im 18./19. Jhd. gegenüber der älteren ‘Küssen’ durch, die eine Entlehnung aus dem Französischen ist.

(23) XI Cf 1a Nr. 52; Druck: J.N.Adler, Oldenburg; das im folgenden genannte Valet auf E.C.Grosse ebenda unter der Nr.54 (ohne Druckerangabe)

(24) XI Cf 1a Nr. 16; Druck: Johann Erich Zimmer u. Nicolaus Götjen, Oldenburg; darunter Gedichte von F. Tieffenbruch und dem Westrumer Prediger U. Ummius.

(25) XI Cf 1a Nr. 61; Druck: Herman Brauer, Bremen; 62; Druck: Jacob Nicol.Adler, Oldenburg; 63 ; Druck: Brauer, Bremen; in allen drei Quellen findet sich jetzt die Namensform Fleurquen.

(26) XI Cf 1 Nr. 56; Druck: Jacob Nicolaus Adler, Oldenburg; W. L. Bruschius , 1676 auf dem gräflichen Vorwerk in Garms geboren, besuchte die Jeversche Schule, studierte in Wittenberg Theologie, wurde 1705 Unterprediger in Schortens, später Archidiakon (1721) und Superintendent (1744) in Jever, verstarb 1751.

(27) XI Cf 1a Nr. 37 ; zu dem gleichen Anlaß finden sich in der Sammlung noch sieben weitere Drucke (XI Cf 1a Nr. 33, 34, 35, 36, 38, 39, 40)

(28) Beiträge zur Spezialgeschichte Jeverlands, a.a.O. S.XXXVII

(29) ebenda, S. XVI; längere lateinische Texte Möhrings sind in der Sammlung enthalten (XI Cf 1 a Nr. 64, 65, 67, 68, 69, 70, 71)

(30) XI Cf 1a Nr. 42 ; Druck: Samuel Tietzen, Zerbst

(31) XI Cf 1a Nr. 43 ; Druck: Samuel Böttger, Aurich

(32) W. Segebrecht überschreibt ein Kapitel: „Der Name als ergiebigster ‘Brunnquell’ von Erfindungen in Casualcarmina" und stellt fest, daß die Erfindungen aus dem Namen „in der Praxis der Casuallyrik in so ungeheurer Menge" auftreten, „daß man geradezu von einer Ausnahme sprechen muß, wenn einmal ein Casualgedicht ohne eine solche Erfindung auskommt." (a.a.O. S. 115)

(33) a.a.O. S. 190 f.

 

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