Das Evangeliar Heinrich des Löwen


Handschrift: Wolfenbüttel, Herzog - August - Bibliothek. Cod. Guelf 105 Niviss 2o; zugleich München, Bayerische Staatsbibliothek, Clm 30055. 226 Pergamentblätter 34,2 x 22,5 cm. Entstanden zwischen 1173 und 1188 im Kloster Helmarshausen. 50 ganzseitige Miniaturen, reich mit Gold verziert, ca. 1500 kleine und 84 große mit Silber und Gold verzierte Initialen.

Herzog Heinrich der Löwe selbst hat diese prunkvolle Handschrift in Auftrag gegeben und sie, gemeinsam mit seiner Gemahlin Mathilde, Tochter des englischen Königs Heinrich 11., der von ihm seit 1173 neu errichteten Stiftskirche St. Blasius in Braunschweig, dein Braunschweiger Dom, anläßlich der Weihe des Marienaltars im Jahre 1188 gewidmet. Er knüpfte damit an die großen Stiftungen von Prachthandschriften durch karolingische, ottonische und salische Kaiser und Könige an. Die beiden repräsentativen Darstellungen des Herzogpaares im Widmungs- und im Krönungsbild des Evangeliars, aber auch das ganz in goldenen Unizalen geschriebene Widmungsgedicht sind dafür beredtes Zeugnis.

Der ungewöhnliche Aufwand an Purpur und an Gold, der Schmuck und die Zier dieses kostbaren Evangeliars deuten auf eine wohl bewußte Anlehnung an die glanzvolle Ausstattung und an den Bilderreichtum vor allem ottonischer Handschriften hin.

Über die Entstehung des Codex wird im Schreibervers am Schluß des Widmungsgedichtes mitgeteilt, daß er als das Werk des Mönches Herimann in Helmarshausen auf Geheiß des Abtes Konrad II. entstanden sei, der damit den Auftrag des Herzogs ausgeführt habe. Gemeint ist die im nördlichen Hessen gelegene Benediktinerabtei Helmarshausen an der Diemel, südwestlich der heutigen Stadt Bad Karlshafen.

Das Evangeliar Heinrichs des Löwen entspricht mit 226 Blättern in der Größe 34,2 x 25,5 cm in Umfang und Format dem im Mittelalter üblichen Maßen für ein Evangelienbuch. Die Pergamenthandschrift ist vollständig und die Erhaltung im ganzen ausgezeichnet. Die Malereien sind in ihrer Farbigkeit und Leuchtkraft ungetrübt, nur an wenigen Stellen berieben oder geringfügig abgeblättert. Die reiche künstlerische Ausstattung, mit Malereien in Deckfarben, mit Purpur und mit Gold, umfaßt insgesamt fünfzig ganzseitige Miniaturen. Jede Seite des Evangelientextes begleitet am äußeren Rand eine hohe und schmale, farbige und zumeist gemusterte Arkade mit der Textzählung des jeweiligen Evangeliums und mit Verweisen auf die entsprechenden Parallelstellen in den anderen Evangelien. Den Text selbst zieren etwa 1500 Initialen, außerdem 77 größere zu besonderen Abschnitten , deren Anfangszeilen zusätzlich in Goldschrift auf Purpurgrund hervorgehoben sind.

Das vom herzoglichen Hof sicher wesentlich mitbestimmte Bildprogramm sowie seine ikonographische Konzeption insgesamt finden im 12. Jahrhundert nichts Vergleichbares. Sie lassen in den vielschichtigen Bezügen' der dargestellten Personen und Szenen eine umfassende Theologische und literarische Bildung erkennen.

Die Handschrift wurde am 6. Dezember 1983 durch Hermann J. Abs in einer Versteigerung bei Sotheby's wieder nach Deutschland zurückgeholt. Sie wurden zur teuersten Handschrift in der Auktionsgeschichte; die Summe von 32,5 Millionen Mark wurde von den jetzigen vier Eigentümern, der Bundesrepublik Deutschland, dem Freistaat Bayern, dem Land Niedersachsen und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin, sowie mit Hilfe zahlreicher Bürgerspenden aufgebracht. Seinen endgültigen Aufbewahrungsort wird das "teuerste Buch der Welt", wie das Evangeliar seit der spektakulären Ersteigerung häufig apostrophiert wird, in der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel finden.

 

zurück